August 24

5 populäre Mythen über Pferde und warum sie falsch sind

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Kennst du solche Sätze: Setz dich durch, du musst der Chef sein. Dein Pferd verarscht dich. Der Ranghohe bewegt immer den Rangniedrigen. Wenn du vor deinem Pferd rückwärts gehst, bist du in der Hierarchie unter ihm. Diese Sprüche haben alle einen Haken: Sie gehören ins Reich der Mythen. Und sie sind falsch. 

Der Artikel auf einen Blick:

  1. Mythos: Pferde sind Fluchttiere
  2. Der Chef bewegt alle anderen 
  3. Jede Herde hat einen Chef
  4. Die Hierarchie in einer Herde ist wichtig
  5. Pferde wollen dich verarschen

1. Mythos: Pferde sind Fluchttiere


Das ist der größte Mythos, der mir immer wieder begegnet.  Weil Pferde Fluchttiere sind verhalten sie sich so völlig anders als wir. Sie erschrecken sich leicht, springen zur Seite, sind mißtrauisch und jederzeit fluchtbereit.

Diese Annahme entpuppt sich bei näherem Hinsehen als völlig falsch. Warum?

Du hast bestimmt von den schweren Bränden in Kalifornien, in Frankreich und anderswo in Europa gehört (2022). Glaubst du, da ist irgendein Raubtier oder ein Mensch sitzen geblieben und hat darauf gewartet ein Opfer der Flammen zu werden?

Wenn irgendwie in der Savanne der Busch brennt, rennt auch der König der Tiere, der Löwe mit seinem Rudel weg.

Bei Gefahr flieht jedes Tier. Das ist nicht der Unterschied zwischen einem Pferd und einem Wolf oder Mensch. Worin liegt der Unterschied also wirklich? 

Pferde müssen ihre Umwelt anders wahrnehmen

Warum müssen sie das? Pferde sind Beutetiere. Löwen oder auch wir Menschen sind Beutegreifer. Woran erkennt man das? An der unterschiedlichen Position der Augen. Beim Menschen liegen die Augen vorne im Gesicht. Das gilt auch für andere Beutegreifer wie Löwen und Wölfe oder auch für eine Hauskatze oder einen Hund. Kein Wunder, Beutegreifer sind Jäger. Sie fokussieren bei der Jagd ihre Beute, lassen sie. Nicht mehr aus dem Blick, bis sie zugeschlagen haben. 

Die Strategie bei einem Beutetier wie einem Pferd oder einer Antilope ist völlig anders: Sie scannen permanent ihre Umgebung auf Gefahren ab. Das geht aber besser, wenn sie nicht fokussieren. Denn beim Fokussieren sehen Pferde zwar deutlich schärfer, aber der Ausschnitt der Umgebung, den sie dabei sehen, ist viel kleiner.

Du hast bestimmt schon mal beobachtet, wenn Pferde fokussieren: Sie heben den Kopf und blicken mit gespitzten Ohren in die Richtung, in der sie etwas Interessantes gesehen haben. Je höher die Kopf Hals Position ist, desto weiter weg ist das Objekt. Das ist für dich ganz wichtig, wenn du ausreiten gehst oder aber das Pferd am Boden führst. An der Höhe seines Kopfes kannst du erkennen, ob das, was die Aufmerksamkeit deines Pferde erregt, weiter weg ist oder sich eher näher bei euch befindet. 

Pferde lesen deine Körpersprache über weite Entfernung

Hast du gewusst, dass dein Pferd anhand deiner Körpersprache schon bei 800 Meter Entfernung sehen kann, ob du gestresst, entspannt oder wütend bist? In der Regel fokussieren Pferde aber nicht sondern scannen permanent mit beiden Augen ihre Umgebung ab. Dabei haben sie nahezu eine Rundumsicht von 355 Grad. Sie sind spezialisiert darauf horizontale Bewegungen wahr zu nehmen. 

Klar, ein Löwenrudel oder auch eine Raubkatze schleichen sich ja horizontal an. Aus der Luft kam die Bedrohung dagegen nie. Deswegen haben Pferde auch keine Angst vor Flugzeugen oder Hubschraubern. Es sei denn, sie spüren den starken Luftzug der Rotorblätter, wenn der Hubschrauber sehr niedrig fliegt.

Unsere Pferde schauten einmal neugierig dabei zu, wie auf der Nachbarweide ein Heißluftballon aufgeblasen wurde und in den sommerlichen Abendhimmel abhob. Den riesigen bunten Ballon stuften sie als harmlos ein. Anders als Menschen sind alle Tiere im Hier und jetzt. Alle Tiere sind achtsam. Deswegen bemerken sie Veränderungen in ihrer Umgebung sehr früh.

Fazit: Bei Gefahr flieht jedes Lebewesen. Pferde nehmen ihre Umwelt anders wahr als wir. Zudem sind sie immer im Hier und Jetzt. Je mehr du verstehst, wie Pferde ihre Umwelt mit allen Sinnen wahrnehmen, desto besser verstehst du ihr Verhalten dir gegenüber und ihre Reaktion in kritischen Situationen.

Ist dein Pferd unsicher, schreckhaft oder sogar ängstlich?

Stell dir vor, dein Pferd würde stattdessen in jeder Situation gelassen und entspannt bleiben. Auch ohne Druck, Stress und Chefgehabe achtet es auf dich und respektiert dich.


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Der Boss bewegt alle anderen Pferde

Der Boss in der herde bewegt alle anderen

2. Mythos: Der Boss bewegt alle anderen.


Was wäre, wenn es vollkommen egal ist, ob du vor deinem Pferd rückwärts gehst, ihm ausweichst oder es dich sogar wegschickt?

Es gibt immer noch die weit verbreitete Meinung, der Boss einer Herde bewegt alle anderen und weicht niemals vor einem rangniedrigeren Herdenmitglied zurück. Diese Regel hat vielleicht eine gewisse Bedeutung in der menschlichen Gesellschaft. Keine Wunder: Wir leben in einer streng hierarchisch aufgebauten Gesellschaft. 

In einer Firma zum Beispiel, ist es tatsächlich der Geschäftsführer, der die Sekretärin schickt und nicht umgekehrt. Lieber läßt er sich einmal zu viel eine Tasse Kaffee bringen als einmal zu wenig. Schließlich ist er der Boss, weil er seine Untergebenen bewegen kann.

Pferde verhalten sich völlig anders

In einer Herde kommt solches Verhalten extrem selten vor. Sehen wir uns dazu folgende Szene an: Der Hengst döst inmitten seiner Herde. Einige seiner zweijährigen Söhne, die noch bei der Herde bleiben dürfen, spielen. 

Nach kurzer Zeit fordert ihn einer auf mit zuspielen. Er tritt dicht an seinen Papa heran und animiert ihn deutlich. Der Althengst möchte aber noch weiter dösen und tritt einfach drei Schritte zurück. Sein Sprössling versteht die Botschaft und spielt weiter mit seinen Brüdern.

Der Hengst rettet seinem Sohn das Leben

Eine andere Szene: Ein Hengstfohlen läuft auf ein Waldstück zu, indem ihm Gefahr droht. Der Leithengst sieht das und möchte seinen Nachwuchs zur Herde zurück treiben. Der Youngster ignoriert die Signale des Vaters, der daraufhin mit dem Maul auf seinen Sohn stößt und diesen etwa einen Meter hoch und anderthalb Meter weit durch die Luft befördert. Daraufhin zeigt sein Sprössling das typische Fohlenkauen und läuft zur Herde zurück.

Worin liegt der Unterschied zwischen beiden Situationen? In der er ersten Situation kommt es nicht darauf an Autorität auszuüben, in der zweiten schon. Denn hier geht es um das Leben eines anderen Herdenmitglieds. Die Rangordnung hat im Alltag keine Bedeutung. Das ändert sich nur, wenn es für die Herde oder ein einzelnes Mitglied überlebenswichtig ist.

Fazit: Es ist nicht wichtig wer wen im Alltag bewegen kann. Die Hierarchie spielt nur dann eine Rolle, wenn es für das Überleben wichtig ist. Das bedeutet für dich: Wenn es wirklich wichtig ist, also in einer Schrecksituation oder vor einer Straßenüberquerung, muss das Pferd deinen Raum achten und auch zur Not vor dir zurück weichen. Im Alltag kannst du aber immer zur Seite gehen, rückwärts gehen oder unter dem hals deines Pferdes durchtauchen. 

Hierarchie und Rangordnung in der Herde

Jede Herde hat einen Chef? Stimmt nicht.

3. Mythos: Jede Herde hat einen Chef


Eine Frage höre ich auf unseren Seminaren immer wieder, wenn wir zu unserer Pferdeherde gehen: „Wer ist hier der Boss? Wer ist der Chef der Herde?“

Meine Antwort ist kurz und knapp: „Keiner.“ 

In den meisten domestizierten Herden gibt es kein Pferd, dass die Führung übernehmen kann und möchte, wie es der Hengst in einer frei lebenden Herde macht.

Das hat zwei Gründe:

  • Der Hengst ist nicht Boss oder Chef einer Herde im menschlichen Sinn. Was bedeutet das? Er hat nicht die meisten Privilegien sondern dient allen am meisten. Er agiert nicht, um seine Rangposition zu behaupten sondern um die Herde oder einzelne Mitglieder zu schützen. Welche und wie viele Pferde er auf diese Weise führen kann hängt von seinem Charakter und der Umgebung ab, in der wer lebt. Den Boss im klassischen Sinn gibt es also nicht.
  • In freier Wildbahn führt ein Hengst immer einen gewachsenen Familienverband. Die Herde ist in sich sehr stabil und harmonisch ausbalanciert. In einer domestizierten Herden sieht das ganz anders aus: Hier hat der Mensch die Herde beliebig zusammengewürfelt. Unsere Herde beispielsweise besteht aus 14 Pferden. Sie verstehen sich ganz gut, hätten sich in freier Wildbahn so aber niemals zusammen gefunden. Deshalb übernimmt auch niemand die Führung im Sinne eines Leithengstes.

Oftmals glauben Pferdemenschen das Pferd, das alle anderen von der Tränke, dem schattigen Platz am Baum oder vom Tor wegtreiben kann, wäre der Boss. Aber wie ich weiter oben erläutert habe, ist es nicht entscheidend, wer alle anderen im Alltag bewegen kann sondern wer im Ernstfall bereit ist Verantwortung zu übernehmen und die Herausforderungen meistern kann. 

Fazit: In einer domestizierten Herde gibt es in der Regel kein Leittier und erst recht keinen Chef im menschlichen Sinn.

Die Hierarchie und Rangordnung ist unwichtig

Die Hierarchie und Rangordnung in einer Herde ist unwichtig.

4. Mythos: Die Hierarchie ist sehr wichtig


Kaum ein anderer Mythos hat so weit reichende Folgen für den täglichen Umgang mit Pferden wie dieser. Warum? Wenn die Hierarchie für Pferde so wichtig ist, darfst du deinem Pferd nichts durchgehen lassen, was deine ranghöhere Position in Frage stellt. 

Dann musst du dein Pferd stets korrigieren. Dein Verhalten wird dogmatisch statt kreativ. Beispiele gefällig? Ein Reitgast hatte gelernt, dass sie niemals rückwärts gehen dürfe. Ausweichen war ebenso tabu wie unter dem hals des Pferdes durchsuchen. Die Liste mit dem, was Mensch und Pferd nicht dürfen war ellenlang. 

Das Problem dabei: Pferden ist die Hierarchie im Alltag sehr unwichtig. Warum?

Ganz einfach: Pferde und alle anderen Lebewesen wollen möglichst wenig Energie verschwenden. Schließlich brauchen sie möglichst viel Energie im Notfall. Wird eine Pferdeherde beispielsweise von einem Wolfsrudel angegriffen, konzentrieren sich die Angreifer auf das schwächste Tier. 

Würde die Herde ihren Alltag ständig mit Rangordnungskämpfen verbringen, wären die Wölfe zwar überglücklich, die Herde würde aber insgesamt nicht lange überleben. Deswegen ist den Pferden die Rangordnung im Alltag egal.

Sie ist dann wichtig, wenn es drauf ankommt, also eine Gefahr droht oder eine wichtige Entscheidung getroffen werden muss. 

Droht Gefahr gelten andere Spielregeln

Oder aber, wenn der Raum und die Ressourcen (Futter und Wasser) begrenzt sind. Auf einer kleinen abgegrasten Weide wird die Hierarchie natürlich wichtig.

Stell dir vor, du wirst mit deinen besten Freunden in einer kleinen Wohnung eingeschlossen. Der Kühlschrank ist gefüllt, aber irgendwann gehen die Vorräte zu Neige. Ihr hängt die ganze Zeit aufeinander. Dann möchte der eine vielleicht mal auf dem Sofa sitzen und der andere sagt: „Nein, geh weg, das ist mein Platz.“

In dieser Situation ändern sich die Spielregeln. Dann bildet sich eine Hierarchie heraus, und es wird klar, wer der Stärkste und wer der Schwächste ist. 

Fazit: Pferden ist die Hierarchie im normalen Alltag völlig unwichtig. Sie gewinnt im Notfall an Bedeutung. Für dich bedeutet das: Du musst weder der Boss sein noch dogmatisch auf bestimmten Verhaltensregeln bestehen.

5. Mythos: Pferde wollen dich verarschen


Immer wenn Pferde anders agieren als vom mensch gewünscht kommt ein Spruch sehr schnell: „Dein Pferd will dich doch nur verarschen.“ 

Was ist mit diesem Spruch gemeint?`Du hast als Reiter oder als Mensch am Boden einen Plan. Das Pferd durchkreuzt diesen Plan, weil es keine Lust hat, mit dir zu arbeiten. Weil es faul ist. Es will dich verarschen. Das Problem dabei: Pferde können dich nicht verarschen. Sie haben kein Hirnareal, das dazu in der Lage wäre. Menschen dagegen schon. 

Was bedeutet Verarschen überhaupt?

Wenn ich jemanden verarschen möchte, muss ich genau seinen Plan kennen und eine Strategie entwickeln, wie ich diesen Plan durchkreuzen kann. Das heißt, ich muss abstrakt denken. Hirnforscher haben viele Hirnscans an lebendigen Pferden gemacht und dabei festgestellt, dass es im Pferdegehirn gar keine Region gibt, die für abstraktes Denken zuständig ist. 

Bei uns Menschen übernimmt der Frontallappen (unter anderem) diese Aufgabe. Der ist bei Pferden aber nur ganz rudimentär ausgeprägt. Weder dieser winzige Frontallappen noch irgend eine andere Hirnregion sind beim Pferd für abstraktes Denken zuständig. 

Pferde haben ein anderes Gehirn als wir Menschen

Dein Pferd kann dich also gar nicht verarschen, weil es nicht abstrakt denken kann. Natürlich lernen Pferde aus unserem Verhalten, also aus dem, was wir tun und vor allen Dingen aus dem, was wir nicht tun. 

Aber dann haben wir dieses Verhalten dem Pferd beigebracht. Das Pferd hat nicht von sich selbst eine Strategie entwickelt, mit der es unsere Pläne absichtlich durchkreuzen kann. Deswegen ist es natürlich wichtig, dass wir uns damit beschäftigen, wie Pferde lernen und wie wir uns dementsprechend zu verhalten haben. 

Fazit: Um jemanden zu verarschen muss ein Pferd abstrakt denken können. Es hat in seinem Gehirn aber keine Region, die für abstraktes Denken zuständig ist. Allerdings lernt es durch unser Verhalten.

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